Die jüdische Rechtstradition

Veröffentlicht von: Progress Austria am Dienstag, Dezember 17, 2019

 

Einst wie heute spielt die Religion in der jüdischen Rechtsordnung eine wichtige Rolle, wurden sie einst anstatt oder neben den jeweils lokalen Rechtsnormen herangezogen, so ist sie heute noch Bestandteil des israelischen Rechtssystems

 

Zur europäischen Historie

Vor der Entstehung des Staates Israel waren die jüdischen Gemeinden über Jahrhunderte vor allem über den europäischen Kontinent verstreut. Der damalige Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt skizzierte die Rechtstradition folgendermaßen:

Vor allem im Mittelalter kam Mitgliedern von jüdischen Gemeinden in vielen europäischen Staaten keine eigenständige Rechtsgeltung zu. Mitglieder einer jüdischen Gemeinde galten schlichtweg nicht als Bürger der Staaten, in denen sie lebten. Erst mit dem 19. Jahrhundert, in welchen man auch Schritt für Schritt damit begann universelle Menschenrechte zu erstreiten, wurden Mitglieder von jüdischen Gemeinden als Staatsbürger anerkannt und traten somit als Inhaber von Rechten und Pflichten im Rahmen der jeweiligen staatlichen Rechtsordnung auf. Mit dieser rechtlichen Gleichstellung kam auch dem Grundsatz »dina d’malchuta dina« erhebliche Bedeutung zu, wonach das Gesetz des Staates gelte, an das sich jeder zu halten habe.

 

Diese Entwicklung führte zu einer gewissen Dualität der Rechtsunterworfenheit. Jüdische Bürgerinnen und Bürger waren aufgrund ihrer Religion den Gesetzen der Tora und aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft den Gesetzen des jeweiligen Staates verpflichtet. Diese Dualität gilt jedoch nicht, wenn sich Bestimmungen der staatlichen Rechtsordnung mit Bestandteilen des jüdischen Rechts nicht in Einklang bringen lassen. Dies wird damit begründet, dass es „kein staatliches Interesse daran geben [könne], einen Menschen seine Religion verletzen zu lassen oder ihn zu zwingen, etwas gegen seine Religion zu tun.“ [

1]

Zur Rechtsordnung des neuen Staates Israel

Der gebürtige Frankfurter Izhak Englard wanderte 1951 nach Israel aus. Er studierte an der juridischen Fakultät in Jerusalem und promovierte an der Universität von Paris. Nach seiner Tätigkeit als Dekan war Prof. Dr. Izhak Englard Richter am Obersten Gerichtshof in Israel.[2]


Prof. Englard fasste das Wesen des jüdischen Recht in einem Satz zusammen: „Jüdisches Recht ist seinem Wesen nach religiöses Recht.“ Recht ist demnach, was von Gott offenbart wurde, dies gilt „allumfassend und von dauernder Gültigkeit; seine verbindliche Auslegung ist den Schriftgelehrten überlassen“. Jedoch sieht das bei der Rechtsordnung Israels etwas anders aus. Englard spricht sogar von einem „Misserfolg“ beim Versuch das jüdische Recht in das staatliche zu integrieren. Das jüdische Recht ist dabei nicht als einheitliche Kodifikation zu verstehen, vielmehr besteht es aus der der Gesamtheit der rabbinischen Literatur. Die Ausgangslage im Rahmen der Staatswerdung war jedoch laizistisch, sohin ging man von einer Trennung von Staat und Kirche aus.[3] Dies hatte seinen Grund darin, dass die Gründungsväter des modernen Israels „zum großen Teil säkulare und liberale europäische Intellektuelle und mit den jüdischen traditionellen Gebräuchen und Gesetzen nur am Rande vertraut waren“. [4

]

Das Ergebnis des Staatswerdungsprozesses sollte daher ein unabhängiger demokratischer Staat werden, wobei die bereits bestehenden Demokratien als Vorbild dienten. So kam es dazu, dass sich der Anspruch auf das Territorium auf ein biblisches Versprechen gründete, das politische Konzept dennoch weltlicher Natur sein sollte.

Israel selbst bezeichnet sich dabei als jüdisch-demokratischer Staat. Dies warf freilich bereits zur Gründungszeit Israels Diskrepanzen auf. Diskrepanzen, die vor allem aus soziologischen und historischen Gründen entstanden. Da die künftigen israelischen Staatsbürger aus den verschiedensten Bereichen und Kulturen der Welt kamen, brachten sie auch verschiedenste Erwartungshaltungen an den neuen Staat und sein Rechtssystem mit.[5]


Ob und inwieweit traditionelle Aspekte in den jüdischen Rechtsbereich einfließen und einfließen sollen, ist heute noch eine vieldiskutierte Frage, die Prof. Englard sogar als ein Dilemma bezeichnet, das man freimütig zugestehen müsse. Jedoch könne seines Erachtens nur ein Gedankenaustausch mithilfe der vertieften Kenntnis der Anschauungen ein friedliches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft als auch für die zwischenstaatlichen Beziehungen gewährleisten.[6]



[1] Pinchas Goldschmidt, Jüdische Bürger können Halacha und Tradition gerecht werden – und Teil der modernen Gesellschaft sein. < https://www.juedische-allgemeine.de/religion/loyal-nach-innen-und-aussen/>.

[2] https://en.law.huji.ac.il/people/yitzhak-englard

[3] Izhak Englard, Jüdisches Recht im jüdischen Staat <http://www.juedisches-recht.de/isr_judisches.php>.

[4] Lorry Schirer, Die Halacha als lebendes Recht in Israel <www.juedisches-recht.de/isr_israelisches.php>.

[5] Schirer, Die Halacha.

[6] Izhak Englard, Gesetz, Ethik und Gerechtigkeit im Judentum (2010) 55.

 


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