Marshallplan für Afrika

Veröffentlicht von: Progress Austria am Sonntag, Dezember 02, 2018

Autor: Ulrich Holzer, Volksökonom

Ein Marshallplan für Afrika. So lautet(e) die Devise der Europäischen Union und vieler seiner Mitgliedsstaaten. Die Ziele waren hehr: Ein auf 10 Stichpunkten begründetes Konzept der Deutschen Bundesregierung im Rahmen des G20 Vorsitzes 2017 für den aufsteigenden Kontinent. Die Vision noch hehrer: Ein Afrika für AfrikanerInnen, wohlhabend und friedsam zugleich. Mit Leben erfüllt hätte diese Vision im Rahmen der Neuverhandlung des Cotonou-Vertrages werden sollen. Als Paradigmenwechsel vorgestellt, sollte eine Abkehr von der Entwicklungshilfe hin zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit stattfinden. Jedoch unterliegen politisch motivierte Agenden wie diese auch weniger hehren Zielen. Zum Zeitpunkt der Konzeption des Vertrages erholten sich viele europäische Staaten gerade erst vom Trauma der Migrationsbewegung 2015. Solchen zukünftigen Traumata galt es vorzubeugen. Deswegen wurde mittels Länderanalysen, welche ebenso historische Migrationsländer – gerade jene, welchen wir die Fernsehbilder aus den spanischen Exklaven verdankten- einschlossen, versucht Migrationspotentiale zu identifizieren. Genau diesen galt es vorzubeugen. Dazu gesellte sich das Engagement der Volksrepublik China (VRC) in afrikanischen Staaten. Dieses droht den europäischen Einfluss zu marginalisieren und damit die Gestaltungsmöglichkeit der europäischen Staaten in Afrika zu minimieren. Nicht nur aber sicherlich auch dadurch zeigten sich die europäischen Staaten im Rahmen der Neuverhandlung des Cotonou-Vertrages besonders euphorisch ihren Einfluss am afrikanischen Kontinent zu festigen und ließen ihren Vorstellungen freien Lauf. Obwohl die hehren Ziele nun im europäischen, politischen Diskurs obsolet geworden zu sein scheinen, lässt sich der Afrika-Gipfel in Wien, am 18. Dezember 2018, allerdings in die Folge an Versuchen zur Restrukturierung der Beziehungen zwischen den Staaten beider Kontinente einordnen.

 

Gänzlich neu ist dieser Paradigmenwechsel nicht. In einer Rede im Rahmen der Afrikatour von Präsident Obama im Jahre 2015, vor ausgewähltem Publikum in Kenia, empfahl dieser Afrika als Region der Chancen wahrzunehmen. Wie ihre europäischen Nachbaren war die USA ebenso wenig von gänzlich hehren Zielen getrieben. Für diese steht nämlich der Einfluss auf die Ressourcengewinnung unter Druck durch zahlreiche geopolitische Akteure. So fanden sich die USA und VRC im sudanesischen Konflikt als Antagonisten wieder. Ressourcenkonflikte werden freilich nicht nur von staatlichen Akteuren ausgetragen. Wie am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo zu sehen ist, wird die konfliktbasierte Ressourcengewinnung durch eine weltweite Verquickung von produzierendem IT-Sektor und regionalpolitischen Machtinteressen getragen. Gerade der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo zeigt somit, dass nicht nur Außenstehende die Entwicklung einer afrikanischen Region behindern, sondern auch regionale Machtansprüche und Streitigkeiten. Dass das Interesse an afrikanischen Ressourcen auch abseits gängiger Rohstoffe besteht, zeigt zudem das Phänomen des Landraubes, welches sogar 2012 und 2013 in zentraleuropäischen Medien thematisiert wurden. Dabei hoben sich Indien, die USA oder Großbritannien besonders hervor. Die von diesem Phänomen betroffensten Staaten sind dann auch jene, welche besondere institutionelle Schwächen aufweisen, sodass regionalpolitische Machstrukturen, meist aus Geldnot oder schlichter Gier, die von Kommunen besessene Landfläche veräußern- zum Nachteil regionaler, pachtender Kleinbauern.

 

Aufgrund dieser, vornehmlich in der westlichen Welt vorherrschend Ansicht, eines weitgehend mittellosen Afrikas ist die Aussage von Präsident Obama von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglicht nämlich einen Paradigmenwechsels vom Bittsteller zum Partner, vom Entwicklungshilfeempfänger zum Geschäftspartner. Genau bei dieser Pfadentscheidung zur zukünftigen Gestaltung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Beziehung zwischen Staaten beider Kontinente läge ein Potential für europäische Staaten ihren historisch langen Schatten abzuwerfen, um reziprok mit afrikanischen Partnern wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele zu erreichen.

 

Wie aber kann ein solcher Paradigmenwechsel gelingen? Die Antwort dürfte, ebenso wie der Kontinent, vielseitig sein. Gerne wird nämlich unter dem Deckmantel Afrika der Kontinent hinsichtlich seiner politischen, geographischen, ökologischen, ethnologischen und letztlich wirtschaftlichen Heterogenität übersehen. Um dieser Heterogenität gerecht zu werden unterteilt beispielsweise die UNO den afrikanischen Kontinent sowie seine derzeitig 54-55 Staaten in fünf Regionen. Dies sind Nord, Ost, Süd, Zentral und Westafrika. Eine für Geschäftstätige praktikablere, da anhand mehrerer Merkmale umfassender differenzierte, Segmentierung gliedert die 54-55 Staaten nach kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen, Wissenstransfer, Geschäftsbeziehungen sowie Transportbedingungen. Nach Ausprägungsintensität zusammengefasst, lassen sich die Staaten in die Maghrebzone, Ägypten und Sudan (inklusive Südsudan), das frankophone Westafrika, Westafrika, Nigeria, Ost, Zentral, Südafrika sowie den Staat Südafrika selbst aggregieren.

 

Wird nun der Kontinent durch eine dieser Segmentierungen betrachtet, so lassen sich tatsächlich Unterschiede zwischen diesen Regionen feststellen. Nordafrika bzw die Maghrebzone sind historisch begründet institutionell und ökonomisch stärker mit ihren Nachbarn am anderen Ende des Mittelmeeres verbunden. Sie sind Zielgebiet europäischen Know-Hows und europäischer Exporte, wie die neulich eröffnete, erste Hochgeschwindigkeitszugstrecke Marokkos, von Frankreich errichtet, zeigt. Umgekehrt haben, trotz des arabischen Frühlings 2011, Teile der Maghrebstaaten- Marokko, Algerien oder Tunesien- weitestgehend als Ressourcenquelle und Tourismusgebiete bestehen können. Anders ist dies im Süden Afrikas. Fernab des europäischen Kontinents konnten sich viele Staaten dieser Region von postkolonialen Konflikten befreien, innere Stabilität sowie wirtschaftliche Entwicklung fördern. Konkret Angola, ein Staat, welcher bis Anfang 2002 einen Bürgerkrieg erlebte, wies in den Jahren danach eine der höchsten Wirtschaftswachstumsraten- besonders dank der unzähligen Rohstoffvorkommen- auf. Nach der Finanzkrise 2008 schaffte es Luanda nicht nur eine der teuersten Hauptstädte weltweit zu werden, sondern auch Ziel zahlreicher Wirtschaftsmigranten aus Portugal zu werden. Opferlos blieb diese Entwicklung allerdings nicht, wie sich am Korruptionsindex und Index für politische Meinungsfreiheit oder der regionalen Armutsstatistik feststellen lässt. Namibia, südlich von Angola und ebenso in der Einflusssphäre des Staates Südafrika gelegen, zeigt einen sogar noch positiveren Werdegang. Politisch seit 1990 von Südafrika unabhängig, avancierte Namibia zu einem Staat, welcher kontinuierliches Wirtschaftswachstum, politische Stabilität, Pressefreiheit sowie eine immer diversifiziertere Wirtschaft aufweist. Dieser positive Trend wird von mehr als einer Million Touristen jährlich gewürdigt und blieb auch Ökonomen, wie Josef Stiglitz, nicht verborgen. An dieser Stelle könnte man jetzt den Schluss ziehen, dass diese exemplarisch angeführten Regionen durch extern entwickelte, maßgeschneiderte Programme auf Samthänden getragen zur sozialen und wirtschaftlichen Hausse geführt werden könnten.

 

So gradlinig ist es dann leider nicht. Unabhängig der Segmentierung des afrikanischen Kontinentes ist die wirtschaftliche Entwicklung herausfordernd. Ionel Zamfir hat für den wissenschaftlichen Dienst des Europäischen Parlamentes die afrikanische(n) Wirtschaft(en) analysiert. Nicht nur, dass der afrikanische Kontinent als Ganzes seit dem Zeitpunkt der Endkolonialisierung zwei Phasen des wirtschaftlichen Höhenfluges erlebt hat. Sondern auch, dass der letzte Aufschwung einige Aspekte afrikanischer Wirtschaftssysteme hervorhob. Zuerst das ressourcengetrieben Wirtschaftswachstum, welches hochgradig von der weltweiten Nachfrage abhängig ist. Damit einhergehend, die zum Teil fehlende industrielle Basis zur weiterführenden Rohstoffverarbeitung, welche unweigerlich eine importunabhängigere und diversifizierte Wirtschaft ermöglicht hätte. Ein weiterer Aspekt lag in der makroökonomischen Verbesserung durch Schuldenabbau und Schuldenschnitte sowie einer Erhöhung der FDI, wodurch lokale Investitionen begünstigt wurden. Von zentraler Bedeutung war jedoch der Rückgang von Konflikten. Dieser verschaffte vielen afrikanischen Staaten eine Binnennachfrage, welche wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrug. Während sich diese gesteigerte Binnennachfrage besonders auf den IKT und Dienstleistungsbereich bezog, blieben der Verkehrs und Agrarsektor unterentwickelt. Speziell der unterentwickelte Agrarsektor in Kombination mit der demographischen Entwicklung Gesamtafrikas stellt die regionalen Regierungen vor neue Herausforderungen.

 

Um nun die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinentes, den hehren Zielen genehm, zu erreichen, schlägt der Bericht vor grundsätzlich die Industrialisierung voranzutreiben. Dies dient nicht nur der unmittelbaren Einkommensgenerierung, sondern auch als Basis einer professionellen Dienstleistungsgesellschaft, welche in afrikanischen Staaten auf fruchtbaren Boden stößt. Dafür essentiell ist, neben bildungspolitischen Maßnahmen, eine Verkehrsinfrastruktur, welche in vielen Regionen noch unzureichend oder gar nicht vorhanden ist. Schließlich gilt es das Konvolut an sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Ressourcen und Energiebedarf, nachhaltigem Wirtschaftswachstum sowie politischer und sozialer Stabilität durch zielorientierte Programme zu bewältigen. Dass solche nicht am Reißbrett entstehen dürfen ist bekannt. Dass diese an den wirtschaftlichen Reifegrad der lokalen Bevölkerungsgruppen anzupassen sind ebenso. Wenn also ein monetär potenter Marshallplan den hehren Ziele gerecht werden soll, dann nur durch bedarfsgerechte, diversifizierte Programme, deren Notwendigkeit primär von der lokalen Bevölkerung abzuleiten ist, eingegliedert in ein regionales Wirtschaftskonzept, und die in partnerschaftlicher Struktur von öffentlichen und privaten Institutionen und Unternehmen beider Kontinente getragen und genutzt werden.


 



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