Nachhaltigkeitsberichterstattung im 21. Jahrhundert

Veröffentlicht von: Progress Austria am Freitag, November 22, 2019

Autor: Michael Auer, Betriebswirt

 

Das Nachhaltigkeits- und Diversitätsgesetz hat Unternehmen dazu verpflichtet sich über ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft Gedanken zu machen. Doch wie wurde es angenommen und umgesetzt?

 

Durch Bewegungen wie „Fridays for Future“ wurde in den letzten Monaten der Fokus auf umweltverträgliches und nachhaltiges Handeln gelegt. Doch nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen wird es immer wichtiger, ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft zu messen, überwachen und gegebenenfalls zu korrigieren. Damit diesem Thema mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit begegnet wird, wurde bereits 2014 von der Europäischen Union eine Richtlinie veröffentlicht, die bis Ende 2016 in nationale Gesetze implementiert wurde. In der Richtlinie werden nichtfinanzielle Informationen von bestimmten großen Unternehmen gefordert, da mit diesen Indikatoren eine nachhaltige Wirtschaft erreicht werden soll. Durch die Offenlegung der Informationen soll einerseits das Vertrauen der Investoren und Kunden in die Unternehmen gestärkt werden, andererseits sollen sich auch die Unternehmen mit den von ihnen ausgehenden Gefahren für die Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Die nichtfinanziellen Informationen sollen im Lagebericht oder Nachhaltigkeitsbericht offengelegt werden und Angaben zu den Bereichen Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelangen, sowie zur Achtung der Menschenrechte und zur Bekämpfung von Korruption enthalten. In Österreich wurde diese Richtlinie durch das Nachhaltigkeits- und Diversitätsgesetz (NaDiVeG) umgesetzt.

 

Das NaDiVeG verpflichtet Unternehmen dazu über die wesentlichen Risiken, welche sich durch die Geschäftstätigkeit ergeben oder mit den Produkten und Dienstleistungen verknüpft sind, zu berichten. Berichtspflichtig sind alle Belange, die sehr wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die nichtfinanziellen Themen haben, sowie der Umgang des Unternehmens mit diesen Risiken. Dazu veröffentlichten etwa zwei Drittel der untersuchten Unternehmen Daten zu möglichen Risiken. Wobei ein Großteil der Unternehmen nur indirekt berichtet, also Beschreibung von Konzepten und Due-Diligence-Prozessen. Nur wenige Unternehmen, im Durchschnitt circa ein Drittel, beschreiben ihre wesentlichen Risiken explizit und ausführlich. Hier berichten die meisten zu den Themen zu Umwelt- und Sozialbelange (90%) und rund 80% zu Arbeitnehmerbelangen und Korruption. Dabei beziehen sich die Unternehmen aber nur auf Risiken durch eigene Geschäftstätigkeit, Produkte und Dienstleistungen. Wenn man die Angaben im Bereich der Lieferkette betrachtet, wie vom Gesetzgeber gefordert, werden Risiken seltener und weniger ausführlich berichtet.

 

Gleich wie bei der Veröffentlichung der finanziellen Berichte und ungeachtet, ob die nichtfinanzielle Erklärung in einen Teil des Geschäftsberichtes integriert wird oder als eigenständiger Bericht veröffentlicht wird, obliegt die Pflicht zur inhaltlichen Prüfung alleine der Verantwortung des Aufsichtsrates. Aber auch hier kann der Aufsichtsrat einen Abschlussprüfer mit der Prüfung beauftragen. Dieser hat dann die Möglichkeit den Bericht mit begrenzter Sicherheit (Limited Assurance) oder hinreichender Sicherheit (Reasonable Assurance) zu prüfen. Nur 26% der untersuchten Unternehmen, haben sich zu einer Prüfung durch den Abschlussprüfer entschieden. Sämtliche der 18 geprüften Berichte wurden einer „Limited Assurance“ unterzogen, wovon zwölf vollständig geprüft wurden. Dass die Berichte nur entsprechend der „Limited Assurance“ geprüft wurden, ist vermutlich auf die Tatsache zurückzuführen, dass viele Unternehmen noch keine ausreichend robusten Datenerhebungs- und Berichterstattungsprozesse haben. Dadurch wird die Prüfung mit hinreichender Sicherheit sehr zeitintensiv für Abschlussprüfer und Unternehmen. Trotzdem wollen Aufsichtsräte eine höhere Prüfungssicherheit. Im Berichtsjahr 2018 haben bereits drei Prozent der deutschen Unternehmen die Prüfung mit hinreichender Sicherheit erreicht. Daher sind Unternehmen aufgefordert, ihre internen Prozesse durch die Beachtung von Automatisierungsmöglichkeiten in der Datenerhebung und -auswertung zu verbessern.

Für die Unternehmen bedeutet die Umsetzung des NaDiVeG eine verkehrte Betrachtungsweise ihrer Risiken. Nicht das klassische Bild - „welche Risiken ergeben sich für mein Unternehmen“ - ist gesucht, sondern „welche Risiken verursacht mein Unternehmen in Bezug auf die Umwelt und die Gesellschaft“. Das hat in der Umsetzung einige Unternehmen vor eine große Herausforderung gestellt. Daher sind auch die Studienergebnisse aus den zwei bereits veröffentlichten Berichtsjahren sehr breit gestreut. Am deutlichsten fällt auf, dass eine Integration in den Lagebericht nicht stattfindet. Daraus kann man schließen, dass integrierte Berichterstattung nach wie vor eher die Ausnahme ist, wobei gerade die gemeinsame Veröffentlichung von Lagebericht und nichtfinanzieller Erklärung zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise führt. Die Mehrzahl der Unternehmen veröffentlicht die nichtfinanzielle Erklärung in einem eigenständigen Bericht oder als Teil eines anderen Konzernberichtes. Da das knapp 80% der untersuchten Unternehmen so handhaben, kann man schließen, dass einerseits eine fokussierte Berichterstattung gewünscht ist. Andererseits aber auch, dass die Möglichkeit zur zeitlichen Versetzung der nichtfinanziellen Erklärung von Unternehmen genutzt wird.

 

Wenn man den Umfang der Berichte betrachtet, zeigt sich wieder die breite Streuung. Die veröffentlichten Berichte variieren von neun bis 166 Seiten, wobei der Durchschnitt bei 43 liegt. Speziell bei der Veröffentlichung als Nachhaltigkeitsbericht war der Umfang deutlich höher, nämlich bei durchschnittlich 73 Seiten.

 

Das entscheidende Element der nichtfinanziellen Berichterstattung ist die Wesentlichkeitsanalyse. Von den Unternehmen wird gefordert ihre Vermögens-, Finanz- und Ertragslage mit den Auswirkungen auf Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelange, auf die Achtung der Menschenrechte und auf die Bekämpfung von Korruption und Bestechung zu verknüpfen. Am besten wird das in einer Wesentlichkeitsmatrix dargestellt, wobei diese nur zur Übersicht dienen soll und nicht verpflichtend ist. Auf Basis des NaDiVeG wurde die Konformität der Matrix angepasst, so dass sich vier Quadranten ergeben. Lediglich für den Quadranten, mit jeweils hoher Bedeutung der Auswirkungen bzw. hoher Bedeutung für das Unternehmen gilt die Berichtspflicht. Da sich bei der Einstufung der einzelnen Sachverhalte entlang der Achsen der Matrize die Ermessensfrage stellt, sollte auch das Einstufungsverfahren nachvollziehbar sein.

 

Wenn man diese Anforderungen nun in der Praxis betrachtet ergibt sich folgendes Bild: Knapp 80% der Unternehmen beschreiben zumindest überblicksmäßig ihren Prozess der Wesentlichkeitsanalyse. Dazu zeigt sich, dass fast alle Unternehmen alle fünf Themen als wesentlich erkannt und zu jedem Angaben gemacht haben. Die meisten Angaben finden sich wieder bei Arbeitnehmern- und Umweltbelangen. Diese Themen werden von 98% der Unternehmen diskutiert. Schlusslicht ist Korruption, dazu finden sich aber immerhin von 90% der Unternehmen Informationen. Diese ausführliche Betrachtung des Themas kann aber auch dem unklaren Normenrahmen in Österreich geschuldet sein, hier blieb in dem entsprechenden Schrifttum und den publizierten Standards die Verknüpfung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage mit den Auswirkungen zumeist offen oder missdeutet. Dadurch wurde den Unternehmen ein größerer Gestaltungsspielraum für die Umsetzung der Berichterstattung gegeben. Dazu wurden auch andere Aspekte, wie die Skalierung der Matrizen, sehr unterschiedlich umgesetzt. In einigen Berichten wurden die Themen z.B. von „unwichtig“ bis „wichtig“ in anderen von „wichtig“ bis „sehr wichtig“ gegliedert. Vor allem die letzte Skalierungsform ist wenig aussagekräftig, da sie der gewünschten Abgrenzung einer Wesentlichkeitsmatrix wenig Aussage verleiht.

 

Neben der Wesentlichkeitsanalyse wird auch die Bekanntgabe der wichtigsten nichtfinanziellen Leistungsindikatoren gefordert. Es zeigt sich wieder ein deutlich unausgewogenes Ergebnis, da 93% der Unternehmen über Arbeitnehmer- und Umweltbelange berichten, aber nur 58% über Korruption und lediglich 43% über Menschenrechte. Insgesamt hat aber rund ein Drittel der Unternehmen zu allen Belangen Leistungsindikatoren veröffentlicht. Die am häufigsten von den Unternehmen berichteten Indikatoren sind mit 80% Energieverbrauch und Arbeitsunfälle und mit 75% Treibhausgasemissionen. Man erkennt, dass die Verknüpfung von nichtfinanziellen Leistungsindikatoren mit dem Jahresabschluss eine große Herausforderung für die Unternehmen war.

 

Um es mit den Worten von Hermann Hesse in dem Gedicht „Die Stufen“ zu sagen: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, so auch der Erweiterung des Lageberichtes durch die nichtfinanziellen Informationen. Die ersten Berichtsjahre wurden gut umgesetzt, trotzdem bleibt noch viel Verbesserungspotential für die Zukunft. Nachhaltigkeit wird in den nächsten Jahren nicht an Bedeutung verlieren, da Kunden immer genauer auf Unternehmen, die Umwelt und die Gesellschaft achtgeben. Dadurch wird das Thema auch für Investoren und Unternehmen an Relevanz gewinnen und die Berichte werden aussagekräftiger werden.



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