​SILICON WADI

Veröffentlicht von: Marc Pommer am Mittwoch, Jänner 08, 2020

 

In keinem anderen Staat der Welt gibt es – gemessen an der Einwohnerzahl – so viele Start-Ups wie in Israel. Besonders führend ist man im High-Tech-Bereich. Zentrum ist die Region um Tel Aviv, die eine Delegation von PROGRESS AUSTRIA im Herbst 2019 bereisen konnte. Auch die österreichisch-israelischen Beziehungen könnten sich sehen lassen.

Israel hat sich seit den 1990er-Jahren als Innovationsland einen Namen gemacht. Früh erkannte die Politik die Innovationskraft der Bevölkerung als starken Wachstumstreiber für die Wirtschaft. Man schuf institutionelle Strukturen und gründerfreundliche Gesetze. Zudem wurden Förderprogramme für innovative Unternehmensgründungen ins Leben gerufen.

 

Staatliche Programme

Die israelische Regierung hat im Wesentlichen drei verschiedene Programme zur Förderung von Start-up-Unternehmen aufgelegt:

  • das TNUFA-Programm für Jungunternehmer, die den Nachweis technologischer Durchführbarkeit und kommerzieller Realisierbarkeit ihrer Idee erbringen, mit einem Höchstzuschuss von 58.000 US-Dollar,
  • das Incubator-Incentive-Programm für Start-up-Gründer mit einem Zuschuss bis zu einem Höchstbetrag von 800 Millionen US-Dollar bei 15 Prozent notwendigen Eigenkapitals. Das Darlehen muss nur im Erfolgsfall zurückgezahlt werden. Damit werden auch riskante Projekte finanziell möglich. Scheitert das junge Unternehmen, trägt der Staat die Kosten; ist es erfolgreich, verbleiben die Gewinne bei den privaten Investoren. Der Staat wiederum refinanziert sich im Erfolgsfall und kassiert drei Prozent Tantiemen von gewinnbringenden Start-ups.
  • das Renewable Energy Technology Center für Entwicklungsprojekte im Segment erneuerbare Energien und Energieeffizienz mit einem Förderbudget bis zu 730.000 US-Dollar je Projekt. Es umfasst die Bereiche Solarenergie, Windenergie, Geothermie, Brennstoffalternativen, Energieeffizienz, Smart Grid (Intelligentes Stromnetz) und Energiespeichertechnologie.

Mittlerweile ist die „Start-up Nation“ ein Selbstläufer geworden und das Start-up Ecosystem wächst weiter. 1.500 High- Tech Start-ups und rund 15 neue Venture Capital Fonds werden jährlich gegründet. 320 internationale Konzerne haben ihre F&E-Zentren in Israel angesiedelt. 100 VC- Fonds suchen nach der Investition in das „next big thing“. Vor allem in IKT, Medizin und Pharma, Life Science, Agrotechnologie, sowie Cyber Security und in der Rüstungsindustrie ist Israel sehr erfolgreich.

 

Start-Up Nation

Laut dem aktuellen Bericht von Start-Up Nation Central und PwC Israel sind 539 Multinationals aus 35 Ländern im israelischen Tech-Ecosystem präsent. 55% der multinationalen Unternehmen stammen aus USA, 27% aus Europa und 15% aus Asien. Die Firmen sind in den Bereichen Technologie (18%), Pharma und Lifescience (8%), Finanzdienstleistungen (13%), Industriegüter (10%), Automotive und Transport (11%), Unterhaltung, Kommunikation und Media (11%), Nahrungsmittel und Agrartechnik (8%) und Einzelhandel und Konsumgüter (10%) aktiv. Während die Multinationals in der Vergangenheit israelische Startups aufkauften oder eigene F&E Zentren in Israel einrichteten, geht der Trend in Richtung Open Innovation. Seit 2014 zeichnet sich eine Fokus-Verschiebung auf investiti- onsgetriebene, partnerschaftlich geführte Open Innovation Modelle ab.

Führende Branchen

 

Israelische Tech-Firmen brachten 2018 6,4 Mrd. US-Dollar an Kapital auf; somit wurde der Rekord von 2017 von USD 5,24 Mrd. gebrochen. Und auch die Zahlen für 2019 sind bis jetzt sehr positiv: Israelische Startups brachten in Q1 2019 in 128 Transaktionen insgesamt 1,55 Mrd. $ Kapital auf. Im Vergleich zum 1. Quartal 2018 bedeutet das einen Anstieg von 28%, was die Kapitalsumme anbetrifft und 15%, was die Anzahl der Deals anbelangt. 64% der Kapitalaufbringungen bezogen sich auf Deals von über 20 Mio. $. IT- und Softwarefirmen brachten in 57 Transaktionen insgesamt Kapital im Wert von 660 Mio. $ auf. Auf den Lifescience-Sektor entfielen 260 Mio. $, während KI-Firmen in 51 Deals Kapital im Wert von 599 Mio. $ aufbrachten. Der Trend geht zu M&A und höheren Investitionssummen, während IPOs weniger werden. Bis Anfang August 2019 wurden bereits 4,55 Mrd. Dollar in israelische Tech-Unternehmen investiert. Voraussichtlich wird somit der Rekord vom Jahr davor gebrochen. Der amerikanische Technologiekonzern Nvidia hat im 1. Quartal 2019 den israelischen Netzwerkausrüster Mellanox Technologies für 6,9 Milliarden gekauft. Dies ist somit der drittgrößte Exit in der Geschichte Israels, nach Mobileye um USD 15,3 Mrd. an Intel, und Frutarom um USD 7,1 Mrd. an International Flavors & Fragrances’. Zudem hat Israel den fünften Platz beim Bloomberg Innovation Index 2019 belegt – Israel ist eine der innovativsten Staaten auf der Welt.

Andere Branchen erfordern Modernisierungsschritte. Industriezweige, in denen staatlich geschaffene Mono- und Oligopole aufgebrochen werden müssen, hinken noch hinterher. Bis in die späten achtziger Jahre war die israelische Wirtschaft durch staatlichen Einfluss geprägt, da sich wichtige Schlüsselbetriebe wie Chemiekonzerne, Rüstungsbetriebe, Baufirmen, Banken sowie das Energie- und Kommunikationswesen zur Gänze im Eigentum des Staates befanden. Seit Beginn der Masseneinwanderung in den frühen neunziger Jahren ist das Wirtschaftswachstum mit dem Bevölkerungswachstum und damit einer steigenden Binnennachfrage gekoppelt. Durch Privatisierung der Staatsbetriebe wurde die Staatsverschuldung gesenkt.

 

Bis auf wenige Mineralien (Pottasche, Magnesium, etwas Kupfer) galt Israel stets als rohstoffarmes Land. Anfang des neuen Millenniums wurden erste Öl- und Gasfelder vor der Küste entdeckt und erschlossen. Im Laufe der letzten Jahre wurden weitere neue Erdgasfelder mit förderwürdigen Gasmengen entdeckt. Damit wird in Israel verstärkt Erdgas zum Betrieb der Kraftwerke verwendet und andere fossile Energieträger werden dadurch teilweise ersetzt. Dies erfordert jedoch noch große Investitionen. Erdöl und Kohle, Metalle oder Holz müssen importiert werden.

 

Die sozialistisch und gemeinwirtschaftlich organisierten „Kibbuzim“, die anfangs entscheidend zum Aufbau des Staates beigetragen haben, widmen sich heute nicht mehr ausschließlich der Landwirtschaft und haben sich privatisiert und diversifiziert. Obwohl nur mehr ein sehr geringer Teil der Israelis in Kibbuzim lebt, werden dort heute beinahe ein Drittel der landwirtschaftlichen und ein beachtlicher Teil der industriellen Güter (ca. 8%) produziert.

Das reale BIP-Wachstum betrug 2018 +3,3%, die Prognose für 2019 sowie für 2020 beträgt 3,1 bzw. 2,9%.

 

Österreich-Israel

Das österreichisch-israelische Außenhandelsvolumen betrug 2018 EUR 560,7 Mio., mit einem Handelsbilanzüberschuss für Österreich in der Höhe von EUR 183,3 Mio. Nachdem im Jahr 2017 ein überdurchschnittlicher Anstieg an österreichischen Exporten (plus 20,3%) erzielt wurde, der zum Teil jedoch auf einmalige Projekte zurückzuführen ist, verringerte sich das Außenhandelsvolumen im Jahr 2018 wieder um 6,7% - liegt damit 2018 aber immer noch weit über dem 2016 erzielten Volumen von EUR 331,3 Mio. von 2016. Im 1. Halbjahr 2019 stiegen die Gesamtexporte nach Israel um 1,0%.

 

Im Detail waren 2018 die wichtigsten österreichischen Ausfuhrwaren pharmazeutische Erzeugnisse (EUR 88,5 Mio.; +16,3%). Weitere wichtige Exportwaren 2018 waren Kessel, Maschinen, Kernreaktoren und mechanische Geräte (EUR 53,8 Mio.; -13,6%), Zugmaschinen, LKW und Motorräder (EUR 32,1 Mio.; +5,4%), verschiedene Waren aus unedlen Metallen (EUR 24,9 Mio.; -0,9%), optische, photographische Geräte, Mess- und Prüfinstrumente (EUR 18,7 Mio.; -6,1%) und elektrische Maschinen (EUR 17,3 Mio.; -18,5%). Für das 1. Halbjahr 2019 setzt sich dieser Trend fort. Vor allem die Exporte von pharmazeutischen Erzeugnissen und elektrischer Maschinen, Apparate und elektrotechnischer Waren stiegen um über 20%. Auffallend für das 1. Halbjahr 2019 waren auch noch Steigerungen bei Getränken (+95,5%) und Büchern, Zeitschriften und graphischen Erzeugnissen (+308,7%), wo hingegen die Zahlen für Papier und Pappe um 24,2% sanken.

 

Zu den Warenexporten kommen Dienstleistungsexporte, die gerade in einem hoch entwickelten Markt wie Israel von besonderer Bedeutung sind. Auch nach dem Rekordjahr 2017 mit EUR 137 Mio., konnte im Gesamtjahr 2018 gegenüber dem Vorjahr nochmals ein Anstieg von 10,2% erzielt werden (EUR 151 Mio.) Im 1. Quartal 2019 stiegen die Dienstleistungsexporte um 25,6%.

 


Marc Pommer

Progress Austria

© Jugendpolitische Thinktank Progress Austria 2016

© Progress Austria