Start-Up Nation Israel

Veröffentlicht von: Progress Austria am Freitag, Jänner 03, 2020

Autor: Markus Rems, Bundesvorstandsmitglied Progress Austria

 

Liest man von rasant wachsenden High-Tech-Unternehmen, lukrativen „Exits“, der höchsten Risikokapitaldichte und einer der fruchtbarsten Böden für Start-ups weltweit, so ist unweigerlich von Israel und der pulsierenden Tech-Metropole Tel Aviv die Rede.

Der Vergleich macht deutlich: Nach Angaben der Weltbank beträgt das 2018 in der DACH-Region (mit ca. 100 Mio Einwohnern) veranlagte Venture-Capital ca. 4,4 Milliarden Euro. In Israel – mit knapp 9 Millionen Einwohnern weniger als 10% der DACH-Bevölkerung – wurde in Summe Wagniskapital von über 6,4 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Neben der höheren Risikobereitschaft von Investoren sind auch sozioökonomische, kulturelle und geopolitische Faktoren ausschlaggebend für die erfolgreiche Entwicklung Israels hin zu einem dynamischen, innovativen Umfeld für junge GründerInnen. Die israelische Experience Designerin Inbar Fruchsad Weil zeichnet im EURONIE-Interview (siehe unten) mögliche Gründe und Einflussfaktoren für diese Entwicklungen aus ihrer persönlichen Sicht.

Auch staatliche Lenkungsmaßnahmen trugen einen wesentlichen Teil zu dieser Entwicklung bei. Anfang der 1990er Jahre segnete die israelische Regierung das Wirtschaftswachstumsprogramm „Yozma“ (hebräisch für „Initiative“) ab, welches die israelische Wirtschaft auf breitere Beine stellen sollte und gezielt Startkapital für Investitionen in disruptive Technologien bereithielt. Ausländischen Risikokapitalgebern wurden darüber hinaus steuerliche Anreize in Aussicht gestellt und jede private Investition mit staatlichen Geldern verdoppelt. Aktuell (2020) läuft das staatliche Incubator-Incentive-Program und unterstützt Gründer mit einem jährlichen Risikokapital von insgesamt 800 Millionen USD. Um auch hochriskante Projekte finanzieren zu können, muss das Darlehen nur im Erfolgsfall zurückgezahlt werden; scheitert das Vorhaben, trägt der Staat die Kosten. Re-Finanziert wird das Inkubatorprogramm mit 3%-igen Tantiemen von erfolgreichen und profitablen Unternehmen.

 

Inzwischen wurden nicht nur zehntausende Tech-Unternehmen gegründet (und natürlich viele davon wieder liquidiert), sondern auch die größten Unternehmen der Welt haben sich mit Forschungsstandorten in Israel niedergelassen. Intel entwarf in seinem Entwicklungslabor nahe der Hafenstadt Haifa die Pentium M und Centrino Prozessorarchitekturen, die dem Chiphersteller zur weltweiten Marktführerschaft im Notebook-Bereich verhalf und firmenintern dem Hauptsitz im kalifornischen Silicon Valley für viele Jahre den Rang ablief. Auch die Forschung und Entwicklungsarbeit für die Core 2 Architektur entstammt dem Intel Israel Development Center. Im Jahr 2017 war Intel überdies auch noch am größten „Exit“ eines israelischen high-tech Start-ups in der Geschichte des Landes beteiligt: Das Fahrerassistenz- und Kollisionsvermeidungssystem MobilEye wurde um die Rekordsumme von 15,3 Milliarden USD übernommen und wird unter anderem zum Goldstandard für europäische und asiatische Automobilhersteller im Bereich des autonomen Fahrens weiterentwickelt.

Ein weiteres höchst erfolgreiches ehemaliges israelisches Start-up ist das crowdsourcing-gestützte GPS Navigationssystem Waze, welches vor allem im asiatischen Raum große Beliebtheit genießt und schließlich 2013 von Google gekauft wurde. Waze war die erste freie Navigationsapplikation, die auf Schwarmintelligenz setzte und in Echtzeit Verkehrsinformationen, Staus und vor allem den prognostizierten Verkehrsfluss in die Routenberechnung mit einfließen lässt.

 

Andere israelische Erfindungen sind der allseits bekannte USB-Stick (M-Systems, später von SanDisk übernommen), Gesichtserkennungsalgorithmen (von Apple übernommen), der Chat-Service Viber oder dessen revolutionärer Instant-Messaging-Vorgänger ICQ von der Firma Mirabilis – nach dem unter anderem das Phänomen des angestrebten rasanten Wachstums und schnellen Verkauf eines Unternehmens – benannt ist. (Siehe unten: Der „Mirabilis-Effekt“)

 

 

Factbox:

  • -In Israel gibt es zur Zeit etwa 6500 Start-ups!
  • -80 der größten Konzerne der Welt unterhalten Niederlassungen in Israel, darunter Intel, Amazon, Facebook, IBM, PayPal, Apple und Samsung
  • -Über 4000 Tech-Firmen sind in Israel aktiv

Der Traum eines Gründers - Der „Mirabilis-Effekt“

Ende der 90er-Jahre etablierte sich ein bekannter und in der breiten Masse populärer Internet-Messengerdienst: ICQ. Der unverwechselbare „Uh-Oh“-Signalton beim Empfang einer Nachricht und das grüne, blütenhafte Logo dürfte noch vielen Millennials in bester Erinnerung sein. Internet-Chats und realtime Kommunikation über IRC-Channels waren zu dieser Zeit zwar schon lange bekannt und bei weitem kein Novum mehr, dennoch revolutionierte ICQ die Internet-Kommunikation indem man Benutzerprofile, Filetransfers und Statusmeldungen implementierte und somit ein disruptives innovatives Produkt schuf.

Was aber die wenigsten wissen: ICQ ist eine israelische Erfindung! Anfang 1996 gründeten vier israelische Studenten rund um den Investor und Internet-Pionier Yossi Joseph Vardi das Start-Up „Mirabilis“ und launchten im November desselben Jahres die erste Version von ICQ, die kostenlos zur Verfügung gestellt wurde und sich durch den Multiplikatoreffekt rasend schnell verbreitete. Der Messaging-Dienst überrollte den Markt und machte globale Player auf sich aufmerksam; so dauerte es gerade einmal eineinhalb Jahre nach Marktstart, dass ICQ im Juni 1998 vom amerikanischen Internetgiganten AOL für 407 Millionen USD gekauft wurde.

Seitdem gelten Mirabilis und ICQ - nicht nur in Israel - als Paradebeispiel und Blaupause für erfolgreiches Gründen, rasantes Wachsen und höchst lukratives Veräußern („Exiting“) eines Unternehmens und geben dem „Mirabilis-Effekt“ so seinen Namen.

 


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